ADHS und Reizüberflutung – Wenn alle gleichzeitig etwas von mir wollen
Es gibt Tage, da läuft alles ganz gut. Ich sitze am Laptop, arbeite an einem Blogbeitrag und habe endlich diesen seltenen Moment erwischt, in dem mein Gehirn mitmacht. Die Gedanken fliessen, die Sätze entstehen fast von selbst und ich bin vollkommen in das vertieft, was ich gerade tue.
Dann steht einer meiner Frenchies vor mir und möchte nach draussen.
Noch bevor ich reagieren kann, klingelt das Handy. Gleichzeitig höre ich meinen Mann aus dem Nebenzimmer eine Frage stellen. Im Hintergrund läuft der Fernseher und plötzlich fällt mir ein, dass ich eigentlich noch die Wäsche aufhängen wollte.
Innerhalb weniger Sekunden habe ich das Gefühl, dass zehn verschiedene Dinge gleichzeitig an meinem Ärmel ziehen.
Und genau das ist der Moment, in dem mein Gehirn beginnt zu streiken.
Für Menschen ohne ADHS sieht so eine Situation oft völlig normal aus. Schliesslich passiert nichts Dramatisches. Ein Hund möchte raus, das Telefon klingelt und jemand stellt eine Frage. Das gehört doch zum Alltag.
Für mich fühlt es sich manchmal an, als würden plötzlich zwanzig Radios gleichzeitig laufen.
Jeder einzelne Reiz fordert Aufmerksamkeit. Jeder Gedanke drängt sich nach vorne. Jede Unterbrechung reisst mich aus dem heraus, worauf ich mich gerade konzentriert habe.
Das Problem ist dabei nicht die Lautstärke. Es ist die Menge.
Ich habe oft das Gefühl, dass mein Gehirn keine richtige Prioritätenliste erstellen kann. Alles erscheint gleichzeitig wichtig. Der Hund. Das Telefon. Die Frage meines Mannes. Mein Gedanke, den ich nicht verlieren möchte. Die Aufgabe, an der ich gerade arbeite.
Und genau deshalb wird aus einer normalen Alltagssituation manchmal eine Überforderung.
Was viele nicht verstehen: Reizüberflutung beginnt oft lange bevor man sie bemerkt.
Bei mir zeigt sie sich zuerst durch kleine Dinge. Ich werde unruhig. Meine Konzentration bricht immer wieder ab. Ich lese denselben Satz mehrmals. Ich merke, dass ich innerlich gereizter werde. Oft bin ich dann genervt von Dingen, die mich eigentlich gar nicht stören würden.
Früher habe ich mir dafür Vorwürfe gemacht.
Ich dachte, ich müsste einfach belastbarer werden. Ich müsste lernen, besser mit Stress umzugehen. Andere schaffen das schliesslich auch.
Heute sehe ich das anders.
Mein Gehirn verarbeitet Informationen anders. Es filtert Reize nicht so zuverlässig aus wie viele andere Gehirne. Deshalb kostet mich ein ganz normaler Alltag manchmal deutlich mehr Energie, als man von aussen vermuten würde.
Besonders schwierig wird es, wenn ich mich gerade auf etwas konzentriere.
Viele Menschen glauben, ADHS bedeute, dass man sich nie konzentrieren kann. Meine Erfahrung ist eine andere. Wenn ich in einer Aufgabe aufgehe, bin ich oft sehr fokussiert. Genau deshalb sind Unterbrechungen für mich so anstrengend. Jedes Mal muss ich meinen Gedankengang neu finden. Manchmal weiss ich nach einer einzigen Unterbrechung nicht mehr, was ich eigentlich gerade schreiben, lesen oder erledigen wollte.
Das kostet Kraft.
Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem mein Gehirn sagt: Es reicht.
Mittlerweile habe ich gelernt, die Warnsignale etwas früher zu erkennen.
Wenn ich merke, dass alles zu viel wird, versuche ich nicht mehr, noch mehr zu leisten. Stattdessen frage ich mich, was ich im Moment reduzieren kann.
Muss der Fernseher wirklich laufen?
Kann das Handy für eine halbe Stunde auf lautlos gestellt werden?
Kann ich meinem Umfeld sagen, dass ich gerade noch fünf Minuten brauche, um etwas fertigzumachen?
Diese kleinen Veränderungen helfen oft erstaunlich viel.
Auch Pausen sind für mich wichtig geworden. Früher dachte ich, Pausen seien etwas für Menschen, die müde sind. Heute weiss ich, dass mein Gehirn sie manchmal braucht, bevor es müde wird.
Manchmal gehe ich mit den Hunden eine kurze Runde. Manchmal trinke ich in Ruhe einen Kaffee. Manchmal sitze ich einfach ein paar Minuten da und geniesse die Stille.
Nicht, weil ich faul bin.
Sondern weil mein Gehirn gerade dabei ist, die vielen Eindrücke zu sortieren.
Eine weitere Erkenntnis war, dass ich nicht alles sofort erledigen muss.
Wenn das Handy klingelt, muss ich nicht sofort rangehen.
Wenn eine Nachricht eingeht, muss ich nicht sofort antworten.
Wenn jemand etwas von mir möchte, darf ich sagen:
„Ich komme gleich. Ich möchte nur kurz das hier fertig machen.“
Früher hatte ich oft das Gefühl, auf alles unmittelbar reagieren zu müssen. Heute weiss ich, dass genau dieser Anspruch mich häufig zusätzlich unter Druck gesetzt hat.
Reizüberflutung gehört für viele Menschen mit ADHS zum Alltag. Sie ist nicht immer sichtbar und oft schwer zu erklären. Von aussen sieht man vielleicht nur jemanden, der plötzlich gereizt, still oder erschöpft wirkt. Was man nicht sieht, sind die unzähligen Reize, Gedanken und Informationen, die gleichzeitig verarbeitet werden wollen.
Deshalb versuche ich heute freundlicher mit mir selbst umzugehen.
Wenn mein Gehirn signalisiert, dass es zu viel wird, höre ich genauer hin.
Denn manchmal ist die beste Lösung nicht, noch mehr zu leisten.
Manchmal ist die beste Lösung, einen Moment lang einfach weniger auf einmal zu wollen.


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