Manchmal wünsche ich mir, mein Gehirn wäre normal

wenn mein Gehirn normal wäre

Manchmal wünsche ich mir, mein Gehirn wäre normal.

Da. Ich habe es gesagt.

Nicht immer. Nicht jeden Tag. Und schon gar nicht, weil ich mich selbst ablehne. Aber manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, wenn mein Kopf einfach etwas ruhiger funktionieren würde.

Ohne das ständige Gedankenkarussell.

Ohne die Ängste, die manchmal aus dem Nichts auftauchen.

Ohne das Chaos.

Ohne das Gefühl, für manche Dinge doppelt so viel Energie aufbringen zu müssen wie andere Menschen.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, morgens aufzuwachen und nicht schon zehn Gedanken gleichzeitig im Kopf zu haben. Wie es wäre, eine Aufgabe zu beginnen und sie einfach zu Ende zu bringen, ohne unterwegs fünf andere Dinge zu entdecken. Wie es wäre, sich nicht ständig selbst organisieren zu müssen, damit der Alltag überhaupt funktioniert.

Und dann denke ich: Das muss unglaublich entspannend sein.

Natürlich weiss ich, dass niemand ein perfektes Leben hat. Jeder Mensch hat seine Herausforderungen. Trotzdem gibt es Tage, an denen ich Menschen beneide, deren Gehirn scheinbar nicht permanent auf Hochtouren läuft.

Besonders dann, wenn ich wieder einmal etwas verlegt habe. Wenn ich einen wichtigen Termin fast vergessen hätte. Wenn ich nachts wach liege, obwohl ich eigentlich müde bin. Oder wenn mein Kopf aus einer kleinen Sorge plötzlich zwanzig verschiedene Katastrophenszenarien macht.

An solchen Tagen wünsche ich mir manchmal einfach Ruhe.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Einfach Ruhe.

Früher hatte ich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich solche Gedanken hatte. Es fühlte sich an, als würde ich mein ADHS ablehnen oder mich selbst nicht akzeptieren.

Heute sehe ich das anders.

Ich glaube, man darf beides gleichzeitig fühlen.

Ich kann akzeptieren, dass ADHS ein Teil von mir ist.

Und ich kann trotzdem traurig darüber sein, wie anstrengend manche Dinge dadurch werden.

Ich kann stolz auf das sein, was ich trotz aller Herausforderungen erreicht habe.

Und ich kann trotzdem manchmal denken:

„Warum muss das eigentlich so schwer sein?“

Diese Gedanken machen mich nicht undankbar.

Sie machen mich menschlich.

Denn ADHS besteht nicht nur aus Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und spontanen Ideen. Es besteht auch aus Frust, Erschöpfung, Selbstzweifeln und dem Wunsch, dass manches einfacher wäre.

Darüber wird nur viel seltener gesprochen.

Vielleicht weil wir gelernt haben, immer die positiven Seiten hervorzuheben. Vielleicht weil wir niemanden enttäuschen möchten. Vielleicht auch, weil wir uns selbst daran erinnern wollen, dass ADHS nicht nur Nachteile hat.

Und das stimmt ja auch.

Mein ADHS hat mich geprägt.

Es hat mich neugierig gemacht. Kreativ. Begeisterungsfähig. Es hat dazu beigetragen, dass ich immer wieder Neues gelernt habe und mich nie mit dem erstbesten Weg zufriedengegeben habe.

Wenn ich ganz ehrlich bin, weiss ich nicht einmal, wer ich ohne ADHS wäre.

Vielleicht wäre manches einfacher.

Vielleicht wäre manches aber auch langweiliger.

Vielleicht hätte ich weniger Chaos im Kopf.

Aber vielleicht auch weniger Ideen.

Weniger Leidenschaft.

Weniger verrückte Einfälle.

Weniger von dem, was mich ausmacht.

Deshalb lautet meine Antwort heute nicht mehr:

„Ja, ich würde mein ADHS sofort wegzaubern.“

Aber sie lautet auch nicht:

„Ich bin froh über jede einzelne Herausforderung.“

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Ich habe Frieden damit geschlossen, dass ADHS zu mir gehört.

Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich mir wünsche, mein Gehirn würde einfach einmal eine Pause machen.

Nicht für immer.

Nur für einen Tag.

Einen einzigen Tag ohne Gedankenkarussell, ohne innere Unruhe und ohne das Gefühl, ständig gegen den eigenen Kopf arbeiten zu müssen.

Und ich glaube, viele Menschen mit ADHS wissen ganz genau, was ich damit meine.



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