ADHS und die hundert offenen Tabs im Kopf

Illustration einer Frau am Laptop mit zwei Französischen Bulldoggen, umgeben von vielen offenen Tabs, Notizen und Gedanken – symbolisch für das Gedankenchaos bei ADHS.

ADHS Gedankenchaos bedeutet für mich manchmal, hundert offene Tabs gleichzeitig im Kopf zu haben.

Eigentlich wollte ich einen Blogartikel schreiben. Wirklich. Ich hatte Zeit, ich hatte Lust und sogar ein Thema. Es hätte also eigentlich nichts mehr schiefgehen können.

Eigentlich.

Dann wollte ich meinen Text diktieren – und mein Mikrofon funktionierte nicht. Nun könnte man natürlich sagen: „Okay, dann schreibe ich eben mit der Tastatur und kümmere mich später um das Mikrofon.“ Ja. Könnte man. Mein Gehirn kann das offenbar nicht. Denn plötzlich war der Blogartikel völlig nebensächlich. Das Mikrofon funktionierte nicht – und dieses Problem musste gelöst werden. Sofort. Nicht irgendwann. Nicht morgen. Jetzt.

Also begann die Suche: Windows-Einstellungen, Mikrofonberechtigungen, Audiotreiber, Intel Smart Sound, Realtek, Geräte-Manager, Neustart, noch ein Neustart, HP-Diagnose, Windows-Systemdateien und noch mehr Treiber. Stunden später wusste ich Dinge über die Audiotechnik meines Laptops, die ich vermutlich niemals wissen wollte. Nur eines hatte ich nicht gemacht: Meinen Blogartikel geschrieben.

Willkommen in meinem Kopf.

Wenn ein Tab sich einfach nicht schliessen lässt

So etwas passiert mir nicht nur mit technischen Problemen. Wenn etwas nicht funktioniert oder ich eine Frage nicht beantworten kann, lässt es mir oft keine Ruhe. Ich kann daran herumknibbeln und grübeln, bis ich eine Lösung gefunden habe. Manchmal bis spät in die Nacht.

Irgendwann sagt mein Körper: „Jetzt wäre Schlafen vielleicht noch eine ganz gute Idee.“ Mein Kopf sagt dagegen: „Ja, schon. Aber was, wenn wir vorher noch ganz kurz …?“ Und selbst wenn ich mich irgendwann geschlagen gebe und ins Bett gehe, ist das Problem damit nicht verschwunden. Ich liege da und denke weiter darüber nach. Der Tab ist noch offen. Gerade abends kann daraus schnell ein Gedankenkarussell werden.

Manchmal schaffe ich es irgendwann zu sagen: „Jetzt mag ich nicht mehr. Morgen.“ Aber geschlossen ist der Tab deswegen noch lange nicht. Er ist höchstens minimiert.

Ich wollte doch eigentlich nur …

Das Ganze funktioniert aber auch wunderbar mit völlig alltäglichen Dingen. Ich schaue zum Beispiel fern und irgendetwas interessiert mich. Also denke ich: Das muss ich schnell nachschauen. Ich nehme mein Handy und sehe dort etwas anderes. Oh, interessant. Das schaue ich natürlich zuerst an. Währenddessen läuft die Sendung weiter. Irgendwann schaue ich wieder zum Fernseher und habe keine Ahnung, was gerade passiert.

Und dann fällt mir ein: Moment mal … was wollte ich eigentlich nachschauen? Keine Ahnung. Der ursprüngliche Tab ist irgendwo zwischen den anderen verschwunden.

Im Haushalt funktioniert das ähnlich. Ich fange in der Küche an. Dann fällt mir etwas anderes ein, das ich auch noch erledigen könnte. Also gehe ich dorthin. Unterwegs kommt mir die Wäsche in den Sinn. Also hole ich erst einmal die Wäsche. Was war noch mal mit der Küche? Ach ja. Die steht immer noch da.

Und irgendwo dazwischen kommt vielleicht noch eine Nachricht, ein Gedanke oder etwas, das ich unbedingt schnell googeln muss. Am Ende habe ich fünf Dinge angefangen und frage mich, warum eigentlich nichts fertig ist.

Dass ich dabei von einem Gedanken zum nächsten springe und mich immer wieder verzettle, ist bei ADHS gar nicht so ungewöhnlich. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet beim ADHS-Infoportal weitere Informationen über ADHS im Erwachsenenalter.

Und irgendwann: Jetzt reicht’s

Es gibt diesen Moment, an dem mein Kopf offenbar selbst merkt, dass inzwischen ein paar Tabs zu viel geöffnet sind. Dann denke ich manchmal einfach: Jetzt lasse ich es sein.

Für einen kurzen Moment fühlt sich das sogar ganz gut an. Nur leider läuft irgendwo im Hintergrund weiterhin eine kleine Stimme: Du solltest aber noch … und das andere hast du auch noch nicht … da war doch noch etwas … Natürlich kann ich mich davon wieder ablenken. Das funktioniert hervorragend.

Bis mir irgendwann wieder einfällt, was ich alles nicht gemacht habe. Und dann kommt das schlechte Gewissen: Mist. Hätte ich das doch erledigt. Und schon ist der Tab wieder da.

Aus einer Backidee werden hundert Rezepte

Besonders schön funktioniert mein Gehirn übrigens beim Thema Ideen. Nehmen wir an, ich möchte etwas backen. Ich habe sogar schon ungefähr eine Vorstellung davon, was es werden soll. Also suche ich nach einem Rezept.

Und dann passiert es. Da ist noch ein anderes Rezept. Oh, das sieht auch gut aus. Und das da! Moment – DAS müsste ich unbedingt einmal ausprobieren. Und plötzlich habe ich auf meinem Handy gefühlt hundert Tabs mit hundert verschiedenen Rezepten geöffnet. Dabei wollte ich ursprünglich genau eines.

Jetzt habe ich so viele Möglichkeiten, dass ich gar nicht mehr weiss, was ich eigentlich machen möchte. Theoretisch könnte ich natürlich sagen: „Kein Problem. Ich mache einfach eines nach dem anderen.“ Klingt vernünftig. Nur müsste dann irgendwann auch noch die Motivation auftauchen, das alles tatsächlich zu machen.

Und manchmal passiert stattdessen etwas anderes: Ich bin von den ganzen Möglichkeiten so überfordert, dass ich am Ende einfach gar nichts backe. Auch eine Lösung.

Die schöne Seite meines ADHS Gedankenchaos

So anstrengend diese hundert offenen Tabs manchmal sind – ich möchte sie gar nicht nur schlechtreden. Denn während ich suche, schaue, abschweife und von einem Gedanken zum nächsten hüpfe, entdecke ich manchmal etwas, wonach ich überhaupt nicht gesucht habe. Und plötzlich denke ich: Wow. Cool. Das muss ich unbedingt ausprobieren!

Oder es entsteht eine völlig neue Idee. Eine, auf die ich vielleicht niemals gekommen wäre, wenn ich brav und zielgerichtet ausschließlich das gesucht hätte, was ich ursprünglich suchen wollte.

Mein Kopf nimmt eben manchmal Umwege. Sehr viele Umwege. Manche führen nirgendwohin, manche sorgen dafür, dass ich vergesse, was ich eigentlich machen wollte – und manche führen mich zu etwas richtig Schönem.

Vielleicht bin ich einfach so

Natürlich nervt mich mein ADHS Gedankenchaos manchmal. Besonders dann, wenn ich dadurch etwas Wichtiges vergesse. Besonders dann, wenn ich dadurch etwas Wichtiges vergesse. Oder wenn ich am Ende eines Tages feststelle, dass ich wahnsinnig beschäftigt war – nur leider nicht mit dem, was ich eigentlich machen wollte.

Aber gleichzeitig lebe ich schon mein ganzes Leben mit diesem Kopf. Für mich ist das mein ganz normales tägliches Sein. Ich glaube, ich bin einfach so. Und inzwischen kann ich das auch ziemlich gut akzeptieren.

Vielleicht müsste mein Kopf tatsächlich manchmal einen Tab schließen, bevor er die nächsten zwölf öffnet. Das wäre praktisch. Aber andererseits entstehen zwischen all diesen offenen Tabs manchmal neue Gedanken, verrückte Ideen und Dinge, die mir richtig Freude machen.

Und vielleicht möchte ich deshalb gar nicht alle Tabs schließen. Ein paar dürfen ruhig offenbleiben.

Nur beim nächsten Blogartikel wäre es schön, wenn der Mikrofon-Tab geschlossen bleibt.



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